Eine Wintergeschichte von Wolfgang Walk

Liebe Unterstützer,

zieht die dicken Wollsocken an, kramt die wohlige Decke aus dem Schrank und lümmelt Euch gemütlich auf der Couch ein, denn Wolfgang hat eine nicht ganz alltägliche „Wintergeschichte“ zu erzählen.

Viel Vergnügen,
Wolfgang und das ganze Pod-Team

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Hier die Geschichte in Textform

Hört Ihr den Sturm an den Fensterläden rütteln? Habt keine Angst, die Wände sind stark, und die Natur ist nicht mehr das, was sie früher einmal war. Setzt euch. Ich will euch eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte aus Zeiten, als der Mensch noch der Natur gehörte, und nicht umgekehrt. Eine Zeit, in der der Tod das logische Ende eines Lebens war, die letzte Verwandlung, nicht beklagenswerter als der Winter. Weil alles einmal sterben musste.

Selbst die Sonne starb.

Und er verwandelte sich. Wie jedes Jahr. Er war der Wald. Kein Wald, wie ihr ihn heute kennt. Keine exakt begrenzte Fläche, die eigentlich nur eine Holzplantage ist, mit befahrbaren Wegen, ausgeräumtem Unterholz und amtlich genau erfasstem Wildbestand. Er war der wirkliche Wald, die Idee eines Waldes: wild, gefährlich, feindlich, schwarz, grenzenlos, die Sinne verwirrend und tödlich. Er war nicht der Wald, der sich nicht schlafen legte in der Polarnacht; er war der Wald, der sich verwandelte, wenn die Sonne starb.

Dann, wenn die Säfte in den Bäumen erstarrten und die Blätter kein Licht mehr atmen konnten, dann musste er sich in die andere Form zurückziehen, um nicht zu ersticken. Dann atmete er für 26 Tage Luft, und in dieser Form wurde er erst wirklich gefährlich.

Es war die Große Nacht, die Nacht, in der die alte Sonne tot war und die Große Mutter Erde geschwängert wurde vom Allvater und dann kreiste, bis sie die neue Sonne gebar.

Die Große Nacht, in der diejenigen, die Jäger werden sollten, auszogen um Gejagte zu sein: Gejagt von den Jägern anderer Stämme. Gejagt von der eigenen Angst, dem eigenen Wahn, den phantasierten Geistern des Waldes. Und von ihm, dem Wald selbst. Und geschützt nur durch den schmalen Holzring, den sie alle trugen, von ihren Müttern geschnitzt aus dem Holz jenes Baumes, der bei ihrer Geburt gepflanzt worden war.

Sie wurden zu Gejagten für die Dauer einer 26 Tage langen Nacht, bis zur Geburt der Sonne, bis sie heimkehren durften in den Schutz ihres Stammes. Viele zogen aus als Kinder, wenige kehrten zurück, um selber Jäger zu werden.

Und als seine Feinde. Denn er wurde ihre große Beute, für die ihnen kein Preis zu hoch war, selbst das eigene Leben nicht. Im Tod der Sonne wandelte er, einem riesigen Bären gleich, unter seinen Bäumen; ein tödlicher Jäger, hungrig von einem vollen Jahr unter der Sonne; ein Jahr, in dem er angewurzelt nur getrunken hatte. Ihm blieben 26 Tage, um satt zu werden. Seit Anbeginn der Zeit hatten die Krieger der Stämme ihn gejagt, und er hatte sie alle getötet. Aber sie würden nicht aufhören, solange er lebte.

Viele Kinder hatten die Menschen in ihren kurzen Leben. Und diejenigen, die 14 Sommer gesehen hatten und männlich waren, zogen jedes Jahr in der Großen Nacht aus, um zu überleben. Es braucht nicht viele Männer, um viele Kinder zu haben. Für die, die es schafften, herrschte kein Mangel an Frauen.

Es war nicht jedes Jahr so, aber in diesem hatte schon Wochen vor der großen Nacht dicker Schnee gelegen. Das waren die gefährlichen Jahre: Sein dunkles Fell verriet ihn schnell. Sie waren Augenwesen, diese Menschen. Und das Licht der Sterne und des Mondes auf dem Schnee tauchte den Wald in einen bleichen Schimmer, ausreichend ihn zu verraten, aber nicht ausreichend, dem Wald seine Atmung und ihm die Form wiederzugeben, die er bei Sonnenlicht hatte. Jene Form, die ihn schützte, unauffällig machte, zu nur einem weiteren Baum unter tausenden von tausenden von tausenden Bäumen.

Drei dieser zweibeinigen Frischlinge hatte er bereits erlegt. Junges, dummes, dürres Gewürm, nicht wert, sich zu vermehren. Sein Hunger war natürlich bei weitem noch nicht gestillt. Das würde viele Tage dauern, selbst in guten, schwarzen, schneelosen Jahren. Und an den Frischlingen war kaum etwas dran gewesen. Doch es würden noch andere kommen: Es war erst der erste Tag der Großen Nacht.

Die meisten der Frischlinge hatten mehr Angst vor den Kriegern der anderen Stämme als vor ihm. Die Krieger waren darauf aus, die Zahl ihrer zukünftigen Feinde klein zu halten. Sie konnten den Wald lesen, sie konnten hinter jedem Baum lauern. Ihre Lanzen und Pfeile waren zielsicher und tödlich. Er dagegen, Bors, der zum Bären gewandelte Wald, war für viele der Frischlinge nicht mehr als ein dunkler Schatten aus den Märchen ihrer Großmütter. Bis sie dann vor ihm standen, erstarrten und den Prankenhieb wehrlos erwarteten, der ihr kurzes, sinnloses Leben beendete. Der Moment, in dem sie vor ihm Angst bekamen, er war gleichzeitig ihr letzter.

Aber es waren die Krieger der anderen Stämme, die die Herzen der Frischlinge schon vorher mit Angst gefüllt hatten, Angst, die er riechen konnte. Das machte sie leichter jagdbar als die Krieger, die keine Angst mehr haben mussten.

Für die Dauer dieser 26 Tage galt unter den Kriegern selbst ein Waffenstillstand. Man beschützte die eigene Brut nicht, man suchte nur die der anderen – und ließ sich gegenseitig in Ruhe. Und die Frischlinge stellten keine Gefahr für einen Krieger dar. Aber sie alle träumten davon, auch ihn zu finden. Sie träumten davon ihn zu überraschen, zu töten und sein schwarzes Herz mit nach Hause zu nehmen. Und sollten sie dabei sterben (und bisher waren sie alle gestorben), so war dies der ehrenvollste Tod, der einem Krieger vergönnt war, ehrenvoller noch als der Tod in der Schlacht, respektiert und bewundert selbst bei den feindlichen Stämmen. Nein, sie hatten keinen Grund für Angst.

So manche Narbe unter dem dicken Fell des gigantischen Bären zeugte von der Gefährlichkeit eines Kriegers. Sie waren schlau, kräftig, erfahren im Kampf und im Umgang mit ihren Waffen. Sie fürchteten den Tod nicht. Sie hatten ihn bereits einmal überlebt.

Der Junge, der sich jetzt durch den Schnee kämpfte, würde allerdings kein Krieger werden, soviel stand fest. Die helle Haut spannte über seinen unterernährten Armknochen. Er hatte ein kurzes Messer am Gürtel befestigt und einen ledernen Beutel auf den Rücken gespannt, der ihm offenbar eine ziemliche Last war. Er würde nicht einmal Zeit haben, das ohnehin viel zu kurze Messer zu ziehen, wenn er erst einmal nahe genug an Bors Versteck unter der großen Brombeerhecke herangekommen war.

Er blieb jetzt stehen, schnaufte hörbar und ziemlich erschöpft durch und schaute sich um. Er war noch zu weit entfernt, etwa 80 Schritte von dem Gebüsch, in dem sein Tod auf ihn wartete. Sein Körper dampfte von der Anstrengung in der kalten Winterluft. Bors konnte ihn riechen: die letzte Mahlzeit aus getrocknetem Fisch, ein wenig Obst und Brot. Das Metall des Messers. Und die Angst. „Weniger Angst, als du haben solltest“, dachte der Baumwandler.

Der Junge schien ein wenig größer als die anderen, war aber noch dürrer. Seine dunklen Haare standen wild von seinem Kopf ab und die schwarzen Augen blitzten aus einem wachen Gesicht. Er machte ein Geräusch, als ob er Witterung aufnähme. Dann griff er nach einem tiefhängenden Ast und kletterte überraschend geschickt in die efeuüberwucherte Ulme, neben der er eben noch gestanden hatte.

Schnell war er bis in die hohe Krone geklettert, sicher 7-8 seiner Körperlängen über dem Boden. Dort saß er, breitbeinig auf einem kräftigen Ast und schnaufte ein wenig durch. Und dann hörte Bors ihn leise sprechen, als befürchte der Junge, ein Krieger eines anderen Stammes könnte ihn hören: „Ich weiß, dass du da bist, Bors!“

„Du weißt also, dass du sterben wirst“, antwortete der Baumwandler. Er erhob sich aus dem Gestrüpp: Doppelt so hoch wie ein großer Mensch ragte er auf, selbst auf allen Vieren. Wenn er sich aufrichtete, würde er fünf ausgewachsene Krieger überragen. Für einen kurzen Moment sah er den reinen Schrecken in den Augen des Jungen, aber der beherrschte sich schnell wieder: „Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.“ Er griff wieder nach einem Ast und kletterte sicherheitshalber noch ein wenig höher.

„Das wird dir nichts nützen“, sagte Bors in seiner tiefen, beinahe väterlichen Stimme. „Wie willst du entkommen? Du sitzt auf dem Baum, und wenn du runterkommst, werde ich dich zerquetschen und fressen.“

„Möglich. Aber du wirst dem Baum nichts tun, solange ich hier oben sitze.“ Das stimmte. Er hätte den Baum samt Wurzeln ausreißen können, aber er war der Wald. Er riss Bäume genauso wenig aus wie Wölfe ihre eigenen Hinterläufe fraßen.

„Aber du wirst nicht für 26 Nächte da oben sitzen können.“ Das Spiel begann ihm Spaß zu machen. Der Junge war nicht dumm. So einer sorgte für Abwechslung.

„Stimmt.“

„Warum also tust du das? Du zögerst nur das Unausweichliche heraus. Du frierst, du bist hungrig, du leidest. Das Leben wird dir keine schöne Stunde mehr gönnen.“

„Von hier oben hat man eine gute Aussicht!“

„Genieße sie, solange du noch kannst!“

„Ich sehe zum Beispiel da hinten einen Krieger der Urku.“ Der Junge wies in die Richtung, in die der leichte Winterwind blies. „Fiese Typen, wenn du mich fragst. Schlau. Und gute Kämpfer. Du solltest dich um ihn kümmern, bevor er dich entdeckt.“

Der Baumwandler konnte den Urku weder riechen noch hören. Und seine Augen sahen auf die Ferne nicht gut. Vielleicht wollte der Junge ihn nur vom Baum weglocken um fliehen zu können. Aber ein Urku war ein gefährlicher Feind, vor allem, wenn man ihn nicht überraschen konnte.

„Ich fange jetzt an zu singen“, sagte der Junge beinahe fröhlich. „Das lockt ihn an. Dann kannst du ihn einfach überraschen.“ Und schon hob er seine helle, junge, aber schon gebrochene Stimme und begann, eines jener Lieder zu singen, die der Baumwandler im Sommer so gerne hörte, wenn er reglos im Sonnenlicht stand, während die Kinder der Zweibeiner unter seinen Zweigen spielten, nicht ahnend, wer gerade Zeuge ihres Spiels wurde.

Mit einem Satz war Bors im Unterholz verschwunden. Keine Sekunde zu früh. Der Urku kam schnell näher.

„Was haben wir denn da? Hat man dir nicht beigebracht, leise zu sein?“ Der Mann war vielleicht 25, ein großer, kräftig gebauter Krieger mit zahlreichen tätowierten Augen auf den muskulösen Oberarmen. Jede Tätowierung ein Zeichen für einen getöteten Feind.

„So vertreibe ich mir die Angst!“

„Du wirst bald keine Angst mehr haben!“ Der Urku zog den Bogen von den Schultern und legte einen Pfeil auf die Sehne.

„Das glaube ich auch“, sagte der Junge. Und dann schlug der Baumwandler dem Urku-Krieger mit einem einfachen Prankenschlag den Kopf von den Schultern. „So viele Augen, und doch blind für die Falle. Guten Appetit“, ergänzte der Junge dann, und wies auf den Leichnam. „Da ist mehr dran als an mir.“

Der Baumwandler grub seine langen Zähne in den muskulösen Körper des Toten. Der Junge hatte recht. „Stört es dich, wenn ich beim Essen mit dir rede?“ fragte er jetzt. „Ich heiße übrigens Olys.“ Aber Bors interessierte sich nicht für die Namen der Menschen und ließ sich bei der Mahlzeit nicht stören. Er würde noch einige unvorsichtige Krieger brauchen, bis der größte Hunger gestillt war.

„Ich habe mir nämlich Folgendes gedacht“, fuhr Olys fort. „Wir arbeiten zusammen. Ich halte Ausschau auf dem Baum, und wenn ein feindlicher Krieger vorbeikommt, oder ein anderer Junge, dann singe ich und locke ihn an. So hast Du genug zu essen, bis die neue Sonne geboren wird. Und ich bin hier oben einigermaßen sicher.“

„Und wenn du runterkommst, dann fresse ich dich!“

„Nun, das könntest du tun, aber das wäre ziemlich dumm, oder?“

„Warum?“

„Der da“, er wies auf die inzwischen kläglichen Reste des Urku, „hätte dich vielleicht erwischt. Du hättest ihn möglicherweise zu spät gehört oder gesehen. Ich habe dir zu einer leichten Mahlzeit verholfen. Ich kann das wieder tun.“

„Hm. Und im Gegenzug soll ich dich verschonen?“

„Ich brauche ein paar starke Äste, um mir hier eine Plattform zu bauen, auf der ich die nächsten Tage schlafen kann.“

„Komm doch runter und hol sie dir!“

„Nein, lieber nicht. Ich werde aus diesen Efeuranken Schlingen binden, und in die kannst du mir ein paar starke Äste einhängen.“

„Aber dann kann ich dich nicht fressen.“

„Das stimmt. Du bist schlau. Aber bedenke: Dafür kann ich singen und noch viel mehr Krieger anlocken, die du fressen kannst. Und an denen ist, wie gesagt, mehr dran als an mir.“

„Das klingt zu gut. Ich trau dir nicht.“ Bors richtete sich drohend zu voller Höhe auf, und der Junge war froh, sich keinen zu kleinen Baum ausgesucht zu haben.

„Auch das ist ein sehr richtiger Gedanke“, antwortete er. „Aber was kann ich dir schon tun? Ich bin schmächtig und habe nur ein recht kleines Messer, mit dem ich dir höchstens den Rücken kratzen könnte. Und bevor ich vom Baum geklettert bin und die Hände frei habe es zu führen, hast du mich zerschmettert.“

„Das ist wahr“, musste Bors zugeben und fiel auf seine Vorderläufe zurück.

„Lass uns einander nützlich werden“, schlug Olys vor. „Schau! Ich möchte die Große Nacht überleben. Du auch. Und du bist hungrig. Ich kann dir bei beidem helfen. Und dafür hilfst du mir, hier oben in Sicherheit zu bleiben, bis die neue Sonne geboren wird.“

„Aber du wirst erfrieren, bevor es so weit ist!“

„Nicht, wenn Du mir die Kleidung und Schlafdecken deiner Beute an die Schlingen bindest.“

„Du wirst verhungern!“

„Nicht, wenn du mir das lässt, was die Krieger selbst an Nahrung mit sich führen. Das meiste ist für dich sowieso ungenießbar: Nüsse, Wurzeln, trockene Früchte! Und die Wasserflaschen.“

Der Baumwandler überlegte. Es war ein guter Plan, das musste er zugeben. Er selbst gewann Sicherheit und leichte Beute. Das war bei soviel Schnee nicht zu unterschätzen. Und der Junge konnte ihm ja tatsächlich nichts tun.

„Was würdest du tun, wenn ich nein sagte?“

„Dann würde ich wohl sterben und von dir gefressen werden, wenn ich geschwächt vom Baum falle.“

„Das stimmt. Du hast keine Angst?“

„Doch. Natürlich habe ich Angst.“, gab Olys offen zu. „Wer hätte bei deinem Anblick keine Angst? Aber ich hoffe, dass du nicht genauso dumm wie furchteinflößend bist. Ich bin kein Krieger und werde nie einer sein. Ich gebe dir die Möglichkeit, viele gefährliche Krieger zu töten, viele von ihnen – und ich bin selbst keine Gefahr für dich. Ohne dich würde ich sterben. Ich bin zu schwach. Darum geht es ja in dieser Jahreszeit: dass die Schwachen sterben.“

„Gut.“ Bors wiegte sein mächtiges Haupt hin und her. „Lass uns leben“, entschied er dann. Er war der Wald, und er war wild. Und totes Holz gab es überall. Der Junge sollte es haben.

Wenige Stunden später hatte sich der Junge eine stabile Plattform zwischen die drei großen Äste der Ulme gebunden, sie mit Reisig ausgelegt und einen Windschutz geflochten. Und so vergingen die Tage. Wenn sich der Baumwandler zum Schlafen in seine Höhle unter den Bergen verzog, dann schlief auch Olys unter dem wachsenden Berg an Kleidung und Decken jüngst getöteter, feindlicher Krieger. Und wenn der Baumwandler dann auftauchte, dann jagten sie gemeinsam und erfolgreich. Noch nie, wenn der Schnee so hoch lag, hatte Bors keinen nagenden Hunger mehr verspürt. Doch in dieser großen Nacht wurde er fett. Im nächsten Jahr, nahm er sich vor, würde er sich wieder einen Jungen suchen und ihm dieses Angebot machen. Dass er darauf noch nicht selbst gekommen war…

Bis zum letzten Morgen tat der Junge seine Pflicht. Mehrfach am Tag erklang seine helle, schöne Stimme und sang Bors das Lied des Hinterhalts. Und auch wenn die Besuche mit der Zeit abnahmen, weil immer weniger Krieger und Frischlinge in diesem Wald noch lebten, so litten sie beide keine Not.

Und dann hellte sich der Horizont auf. Eine fahle Dämmerung zeigte das bevorstehende Ende der großen Nacht an. „Bald dürfte es so weit sein“, meinte Bors zu dem Jungen, für den er inzwischen eine seltsame, väterliche Zuneigung empfand. „Mutter Erde gebiert, ich spüre ihre Wehen! Du hast deine Arbeit gut erledigt und kannst bald nach Hause. Ich gönne es dir und freue mich für dich!“

„Ja, sie werden mich Jäger nennen. Obwohl ich keiner bin. Aber ich lebe, und das ist erst einmal das Wichtigste.“

„Du kannst mich jederzeit um Schutz bitten. Ich werde an deiner Seite sein.“

„Ja, das wirst du“, sagte der Junge. „Das wirst du tatsächlich. Ich schätze, wir gehören jetzt zusammen!“ Und dann begann Bors zu brüllen, denn seine Verwandlung hatte begonnen, als die ersten Sonnenstrahlen über den Rand der Erde krochen. Mit erstauntem Schrecken betrachtete der Junge, wie die mächtigen Hinterpranken des riesigen Tieres begannen in die Erde zu greifen und immer weiter zu wachsen. Sie wurden knorzig und dicker, bis sie zu mächtigen Wurzeln geworden waren, die sich tiefer und tiefer in die Erde gruben um zu trinken. Dabei hatte Bors sich aufgerichtet, bis sein gewaltiger Kopf fast die halbe Höhe zur Plattform des Jungen erreichte. Seine Vorderläufe streckten sich zum Himmel und begannen ihrerseits zu wachsen, während sein Schrei erstickte, weil sein mächtiger Kopf zu schrumpfen begann, bis er nur noch eine knorrige, hölzerne Knolle in der Gabelung der beiden Hauptäste war. Denn länger und länger wuchsen die Arme und seine Pranken trieben aus in gewaltige Äste, die sich immer feiner verzweigten, bis – nach nur wenigen Minuten – vom gewaltigen Bären Bors nichts mehr zu sehen war und an seiner Stelle ein Baum stand, der von einer uralten, knorzigen Eiche nicht zu unterscheiden war.

der Efeuranken, die seine Plattform zusammenhielten und warf die Ranken, den Reisig und die trockenen, schweren Äste auf den Boden. Seine eigenen Knochen waren ein wenig steif geworden, und beinahe wäre er auf dem Weg nach unten abgerutscht, denn immer noch lag tiefer Schnee, und die glatten Äste glitzerten im Raureif. Aber dann stand er unten und schaute sich um. Bors hatte seine Feinde mit Haut, Haaren und Knochen gefressen. Nur ein paar Kleinigkeiten hatte er übrig gelassen. Olys lächelte. Es war der Morgen des Neuen Jahres, und es war die Zeit des fünftägigen Friedens, in der es weder Krieg noch Jagd gab. Der Weg nach Hause war sicher.

Als er den Wald verließ, drehte der Junge, der keiner mehr war, sich um und betrachtete die rot-orange leuchtende Rauchsäule, die zwei Wegstunden hinter ihm vom Schein ihres eigenen Feuers beleuchtet über den Bäumen aufstieg. Dann drehte er ihr den Rücken zu und betrachtete das Dorf. Die Sonne war an diesem kurzen, ersten Tag des Jahres bereits wieder untergegangen, aber die Zukunft gehörte ihr. Und ihm. Was hatten seine Freunde ihn ausgelacht, als er geübt hatte Bäume zu erklimmen. „Olys“ hatten sie ihn genannt, was so viel wie „Feigling“ hieß, und einen bezeichnete, der vor Feinden auf Bäume floh, anstatt sich ihnen zu stellen. Sie würden nicht mehr lachen. Die meisten von ihnen, schätzte er, konnten nicht mehr lachen.

Die ehemals scharfe Axt, die er die ganze Zeit in seinem Beutel aufbewahrt und vor Bors geheim gehalten hatte, hing jetzt benutzt und stumpf an seinem Gürtel. In seinem Beutel lagen die Amulette von 27 erschlagenen Kriegern und über 50 Holzringe, die ihre jungen Träger hatten schützen sollen. Das Oberhaupt des Clans würde viel Zeit benötigen, ihn vollständig zu tätowieren.

Und noch etwas lag in seinem Lederbeutel. Das Wichtigste: Das schwarze Herz, herausgeschnitten aus dem Stamm des Baumwandlers, bevor der Junge ihn in Brand gesteckt hatte. Aus ihm würde er sein eigenes Amulett schnitzen. Bors würde ihn auf immer beschützen.

Er würde kein Jäger werden. Er würde Schamane sein. DER Schamane. Aus Olys würde Borsok werden: Der, der den Waldgott getötet hat. Der Geruch gebratenen Wilds wehte zu ihm herüber. Er sah die schlanken Körper junger Frauen, die um die großen Feuer tanzten, mit denen das neue Jahr und die Überlebenden angelockt und begrüßt wurden. Er achtete darauf, dass seine Schritte sich nicht beschleunigten.