Schau auf die Frauen, eSport!

Es ist Februar, und Februar ist die Zeit der Murmeltiertage. Und da wie zum Beispiel Halloween, Schulmassaker, American Football und Valentinstag natürlich jeder Scheiß irgendwann mal aus Amerika nach Deutschland rüberschwappen muss, dachte sich die deutsche Sportpolitik wohl, es sei seit 16 Jahren immer noch 2003. Und weil wir halt in Deutschland leben, kam sie damit auch durch.

Denn der deutsche Sportpolitiker ist prototypisch einer, der sehr gerne nie und nichts dazu lernt, sich allem Neuen prinzipiell nur unter Einschluss sämtlicher altersgemäßer Vorurteile annähert und, anders als Bill Murray in der Filmvorlage, gerne dieselben Fehler immer wieder macht. Diese Arbeitsver weigerung in ihrer Gesamtheit nennt man dann „konservativ“ – und das wird an der Wahlurne belohnt, selbst dann, wenn es tausende Arbeitsplätze und reichlich Zukunftsmärkte kostet. Und um das auch gleich klarzustellen: Wir haben die Politiker, die wir verdienen. Wir bestrafen Mut und Weitsicht an der Wahlurne, während KZ-Planer 15-20% kriegen.

Gamespodcast.de Premium

Dieser Podcast steht nur Abonnenten zur Verfügung. Wenn du noch kein Abonnent bist, dann schließe hier ein Abo ab. Wenn du vorher erstmal reinschnuppern möchtest, dann schau dir den Schnuppermonat an.

Jetzt abonnieren

Es geht, das sollte ich vielleicht vorneweg noch erklären, um den eSport. Beziehungsweise, wenn man den Damen und Herren Lernverweigerern glauben möchte: E-Nichtsport. Denn natürlich reicht – nach der brillanten Logik der Mehrheit der deutschen Sportpolitiker – es nicht zum offiziell anerkannten Sport, wenn nur ein Controller im Spiel ist. Dazu muss dann auch auf dem Monitor eine simulierte echte Sportart zu sehen sein. Also Dart zum Beispiel. Oder Schach. Billiard. Anerkannte Bewegungssportarten eben, bei denen der Schweiß in Strömen läuft, echte Männer sich noch gegenseitig regelkonform die Gräten auskugeln und am Ende gestählte Sixpacks und schwellende Bizeps die Frauenherzen höher schlagen lassen …

FIFA 19 ist Sport, freilich! Hier wird ja Fußball gespielt! Eine echte Sportart. Solchen Titeln gewähren unsere Sportfunktionäre den Begriff “eSport”, aber Computerspiele? Nein, da ist das Brett vorm Kopf zu dick. [Bild: EA]
Zwar hatten Union und SPD im Koalitionsvertrag die eigentlich bedingungslose Anerkennung des eSports als Sport vereinbart, aber was kümmert mich mein Geschwätz von gestern, wenn die Vorsitzenden der althergebrachten Sportverbände – nicht zu Unrecht – befürchten, dass der große Sportförderkuchen demnächst dann auf weitere Mitesser trifft und so für jeden Beteiligten ein wenig kleiner werden wird. Aber was unterstelle ich da: Den Damen und Herren Verbandsfunktionären geht es natürlich nur um den Sport als zu fördernde kulturelle Entität, als Maßnahme zur Verbesserung der Volksgesundheit. Um den Sport als Pfründe, auf denen die eigene Lebenshaltung gedeiht, geht es denen nicht. Das sind alles reine Idealisten, getreu dem olympischen Motto: „Schneller, höher, reicher“.

Schon im Vorfeld waren vereinzelte Stimmen aus Sportfunktionärskreisen zu hören gewesen, die kategorisch jede Anerkennung von eSport ablehnten. Da wurde höchst differenziert argumentiert! So warf der hessische Innenminister Peter Beuth den subtilen Beitrag in die Runde, man müsse den Begriff eSport „ausradieren“, während der Präsident des Landessportbundes Sachsen-Anhalt, Andreas Silbersack, den eSports feingeistig als „blutrünstig“ charakterisierte. Und offenbar waren diese hochkomplexen Argumentationslinien in den vergangenen Monaten überzeugend genug, um den Damen und Herren im Sportausschuss des Bundestags klarzumachen, dass es möglicherweise angesichts der Millionen Mitglieder deutscher Sportverbände keine gute Idee sei, sich mit denen anzulegen.

Am 20.2. des Jahres trafen sich vor diesem Ausschuss also Vertreter dieser Verbände, dazu der eSport-Liga ESL und einige wenige handverlesene Sportwissenschaftler, die sich allerdings schon im Vorfeld klar positioniert hatten und ganz offensichtlich nur eingeladen worden waren, um die offizielle Sportwerdung der eSports zu verhindern: Professor Carmen Borggrefe zum Beispiel hatte sich schon im August in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk klar positioniert: „Sie können alle Sportarten, die wir haben, auch die, die eher einen geringeren Umfang haben was Bewegung angeht, darüber beobachten, dass dort eine körperliche Leistung kommuniziert wird und sie können diese Sportarten darüber erkennen. Genau das können sie beim eSport nicht.“

Schafkopf, ein Kartenspiel, das im Sitzen und meist auch noch in einer Kneipe gespielt wird, das kann man als Sport anerkennen. Wieso auch nicht? Hier sind schließlich Denkvermögen, Kommunikation und Taktik gefragt. [Bild: pixabay.com]
An dem Argument ist so ziemlich alles falsch, was falsch sein kann. Denn natürlich ist das Bearbeiten eines Controllers in super-exakter Hand-Auge-Koordination unter Zeitdruck körperliche Arbeit. Und wenn das, was das Interface zeigt, das nicht kommunizieren würde, wäre das Spiel schon am Markt gescheitert. Denn exakt das ist ja die Aufgabe eines Game-Interfaces. Körperliche Arbeit wird also kommuniziert, und zwar sehr genau so, wie sie beim Billiard kommuniziert wird, beim Schach, bei Karten- und anderen Spielen, die nicht unbedingt körperliche Anstrengung benötigen, aber geistig-motorische – alles Spiele, die als Sport anerkannt sind und deren Kommunikation stellvertretend über Spielfiguren oder -Karten stattfindet. Die Natur des Interfaces als digital oder analog zur Grundlage der Definition von Sport oder Nichtsport zu machen, ist völlig willkürlich und offensichtlich nicht gut begründbarer Unfug. Die einzige Problematik, die hier wirklich offen bleibt ist die, warum solche intellektuellen Nulllösungen zu so einem Gespräch eingeladen werden. Wenn so jemand über Kommunikation redet und offensichtlich keinerlei Ahnung von Semiotik hat, dann sollte das eigentlich a priori zum Ausschluss von solchen Treffen führen.

Nicht eingeladen waren übrigens zum Beispiel Medienwissenschaftler, die den Anwesenden diese Sache mit dem Computerspiel mal hätten ein wenig erklären können. Ist halt alles Neuland, da kann man ja nicht wissen, wer Ahnung davon hat und wer nicht. Und die Kollegen vom Ausschuss für Digitales kann man natürlich auch nicht fragen. Haben die eigentlich noch Telefon? Oder kriegt man die nur über diese Whatsapp-App?
Und weil diese Erbärmlichkeit offenbar sogar den anwesenden Po litikern von CDU und SPD klar war, sie aber nun mal ihr Rückgrat gerade in der Reinigung hatten (bzw. den Abholschein vor Jahrzehnten verlegt haben), wurde dann ganz schnell das gute, alte Gewaltargument wieder aus dem Mausoleum geholt: Wenn da einem auf offener Bühne in den Kopf geschossen werde, so der FDP-Abgeordnete Marcel Klinge, dann sei das mit seinem persönlichen Wertegerüst nicht vereinbar. Dass da niemandem tatsächlich in den Kopf geschossen wird, das spielte bei der Argumentation genauso wenig eine Rolle wie die ganz erheblichen realen Gehirnschäden, die anerkannte Sportarten wie Boxen und American Football nachweislich verursachen – und die mit Herrn Klinges Wertegerüst offenbar voll im Einklang stehen.

Auch dass die Simulation eines Gefechts auf Leben und Tod im Fechtsport offenbar ethisch einwandfrei ist, im 1st Person Shooter dann aber nicht, obwohl dort nicht mal mit wirklichen Waffen gekämpft wird, darüber machte man sich lieber keine allzu ausführlichen Gedanken. Könnte ja sein, dass die Syllogismen am Ende nicht das Ergebnis liefern, das man vorher fest eingeplant hat.

Und weil das Ganze also in größtmöglicher intellektueller Verlogenheit abgefeiert wurde, verabschiedete man dann hinterher, anders lässt sich das kaum formulieren, ein Worst Case Szenario: Anerkannt und der Kontrolle ihrer jeweiligen Verbände unterstellt werden alle eSport-Arten, denen eine „wirkliche“, bereits anerkannte Sportart zu Grunde liegt. Der DOSB spricht hier, als wolle er sich um eine Aufnahme in die nächste Auflage des Wörterbuchs des Unmenschen bewerben, von „elektronischen Sportartensimulationen“. Alle anderen Games können kein eSport sein. So hält man mögliche neue Verbands-Konkurrenz außen vor – und verhindert mal wieder nebenbei das Entstehen einer milliardenschweren, Arbeitsplätze schaffenden und in der ganzen Welt sich rasant ausbreitenden Unterhaltungsindustrie in Deutschland.

In ein bis zwei Jahrzehnten will dann keiner mehr daran erinnert werden, genauso wenig wie an das Verbot des organisierten Frauenfußballs durch den DFB, das von 1955 bis Ende 1970 galt.

Dota 2, ein so genanntes MOBA, in dem zwei 5-Mann-Teams gegeneinander antreten. Was aussieht wie ein Strategiespiel, entpuppt sich als extrem komplexer Teamwettbewerb, der auf Profi-Niveau extreme Ansprüche an das Talent, die Taktik sowie die Kommunikation der Spieler stellt. Kein Sport. [Bild: Valve]
Aber solange es Pfründe zu behalten und Neues zu verhindern gibt, reichen in einem deutschen Bundestagsausschuss eben exakt null Argumente, die auch nur einer Anscheinsüberprüfung standhalten würden – und (mutmaßlich) die Kraft des langen Hebels der Mitgliederzahlen der Besitzstandswahrer. Und um das gewünschte Ergebnis zu erreichen, lädt man sich halt die „Experten“, die es dann auch liefern.
Da scheint es die besagten Damen und Herren von CDU/CSU und SPD auch nicht zu kümmern, was im Koalitionsvertrag steht. Der sieht nämlich die Anerkennung von eSports als Sport vor. Diese Initiative kam aber bei den Koalitionsverhandlungen eben nicht von den Sportpolitikern, sondern von der Abteilung Digitales, wo sich Politiker eigentlich aller Fraktionen einig sind. Jetzt also stellen sich die Sportpolitiker quer bzw. unterstützen einen linken Dreh der Verbände, sich die eSports in Deutschland samt Wertschöpfung exklusiv unter den Nagel zu reißen.

Zwar waren in jener Sitzung mit ESBD-Präsident Hans Jagnow und eSports-League-CEO Ralf Reichart zwei eSports-Experten eingeladen, die sich nachdrücklich für eine Anerkennung stark gemacht haben. Aber natürlich waren die a) klar in der Unterzahl und b) als Verbandsvertreter bzw. eSports-Veranstalter, die sie ja selbst auch sind, keine unabhängigen Stimmen. Die gab es halt nur auf der Gegenseite. Da half es auch wenig, dass der game seine Position in einer Stellungnahme hinzugefügt und mit den Herren Jagow und Reichart besprochen hatte.

Es klingt ein wenig nach Zweckoptimismus, wenn Felix Falk, Geschäftsführer des game, auf Anfragen feststellt, dass „keine finale Entscheidung über die weitere Unterstützung von eSports gefallen ist. Daher werden wir unsere Arbeit weiter fortsetzen und für die Anerkennung des digitalen Sports in vielen Gesprächen mit Abgeordneten werben. Wir hoffen aber natürlich auch, dass sich die Abgeordneten der Regierungskoalition wieder stärker in die Debatte einschalten, die sich bereits für die Aufnahme der eSports-Anerkennung in den Koalitionsvertrag stark gemacht haben. Zu wichtigen politischen Debatten und Entscheidungsprozessen gehören Ausdauer und Überzeugungsarbeit dazu. Deshalb gibt es hier überhaupt keinen Grund, schon die Flinte ins Korn zu werfen.“
Nein, natürlich darf man nicht die Flinte ins Korn werfen. Zumal die Geschichte ja sowieso – dafür muss man kein Prophet sein – niemals auf der Seite der Verhinderer des nicht Verhinderbaren ist. Aber das Kind liegt dennoch erst einmal im Brunnen: Die Branche verliert kostbare Zeit – wie vor 20-25 Jahren die Spieleindustrie, deren ökonomisches und kulturelles Potenzial die alten Säcke auf den Regierungsbänken schlicht nicht wahrnehmen wollten, weil man dafür am Stammtisch mal den Rücken hätte gerade drücken müssen.

Die ESL, deren Betreiber in Deutschland sitzt, veranstaltet riesige eSport-Wettbewerbe auf der ganzen Welt. Im Bild ein CS:GO-Event im polnischen Katowice, das nicht nur für volle Hallen, sondern auch zahlreiche Stream-Zuschauer sorgte. Insgesamt wurden von diesem Event 52.649.615 Stunden via Livestream konsumiert. Aber Sport? Und Sportförderung? Nicht bei uns. Nicht dafür.

Dass die ESL, die größte europäische eSports-Liga, im vergangenen Jahr 240 Millionen Fans in mehr als 200 Ländern anzog, dass sie von dem Kölner Unternehmen Turtle Entertainment betrieben wird, dass ein (weiteres) Mal in einem neu aufblühenden technologischen Geschäftsfeld deutsche Unternehmen zunächst vorne mit dabei sind: so etwas ist deutschen Politikern schon traditionell egal. Wenn so etwas wie Pioniergeist jemandem in Deutschland mal zustößt, dann kann er sich darauf verlassen, dass sich die deutsche Politik schon einhegend seiner annimmt. Und so soll es nach dem Willen des Sportausschusses auch diesmal wieder sein.

Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren, müsste mich aber wundern, wenn die Abteilung Digitales jetzt nicht aus den Parteispitzen sehr klare Signale bekäme, in Sachen eSports ein wenig kürzer zu treten. Schließlich will es sich keiner mit dem deutschen olympischen Sportbund und den in ihm vertretenen 27 Millionen organisierten Sportlern des Landes verscherzen – von Thomas Bach, dem latent unter Korruptionsverdacht stehenden engen Putinfreund, FDP-Mitglied und Präsidenten des Internationalen olympischen Komitees ganz zu schweigen. Mit dem und seiner eSports-Abneigung legt man sich besser nicht allzu sehr an.

So wird also Deutschland von der Politik auf einem weiteren digitalen Feld zum Entwicklungsland degradiert werden. Die Bemühungen des game sind bewundernswert und wichtig, aber ändern wird er an dieser Entwicklung höchstens die Dauer. Verhindern wird er sie nicht mehr. Für jetzt dürften die Aussichten auf eine Anerkennung gleich null sein. In ein paar Jahren werden dann wieder alle staunend vor dem Scherbenhaufen stehen und so tun, als hätten sie keine Ahnung, wie das nun wieder passieren konnte: Überall in Europa existieren dann florierende eSports-Ligen, hat sich eine ganze Kultur um diese entwickelt, generieren sie Milliarden an Umsätzen und tausende von Arbeitsplätzen – und in Deutschland werden dann immer noch meinungsmumifizierte Verbandspräsidenten vor sich hin geriatrisieren – und dabei auf eine Politikerkaste setzen können, der das Land und seine Zukunft solange am Arsch vorbeigeht, wie das ein Risiko für die eigene Karriere sein könnte.

Was dagegen hilft?

Dasselbe, was schon dem Frauenfußball geholfen hat, und was die Spieleindustrie 1995ff nicht geschafft hat (möglicherweise hatten wir zu wenig Frauen): Strukturen, die sich gegenseitig stützen und so Erfolg haben können. Die im Sportausschuss vorgeschlagene Regelung versucht, genau das zu verhindern. Und dem muss man sich verweigern. Es kann nicht sein, dass jede einzelne eSport-Richtung mit einem anderen Verband zu verhandeln hat. Ein Prinzip des Teilen und Herrschen darf als Diskussionsgrundlage nicht anerkannt werden. Zur Not muss sich der eSport unabhängig organisieren und Fakten schaffen, wenn es sein muss vor Gericht.

Denn es geht ja auch um viel Geld beim Thema Gemeinnützigkeit. Wie die Abgeordnete der Linken, Dr. Petra Sitte im Bundestag sagte: „Die Regelung, die im Detail festlegt, was gemeinnützige Zwecke innerhalb und außerhalb des Sportes sind, ist in sich nicht konsistent – das muss man in diesem Zusammenhang spiegeln –: Ballonfahren ist gemeinnützig, Skat ist nicht gemeinnützig, Eisenbahnmodellbau ist es wiederum, Münzsammeln ist es nicht, Schach ist gemeinnützig, Dart und Billard sind anerkannt. Man mag das für sinnvoll oder nicht sinnvoll halten, aber es wird so gehandhabt.“ Und weiter: „Es lässt sich hier schlecht mit einzelnen Finanzbehörden in den Ländern verhandeln, wenn es nicht wenigstens eine klare Regelung oder eine Übereinkunft zwischen den Bundesländern gibt, um die Rechtsunsicherheiten für die Vereine zu reduzieren.“
Und damit hat sie natürlich nicht nur Recht, das betrifft auch den Gleichbehandlungsgrundsatz des deutschen Rechtssystems – und der wäre im Zweifelsfall höchstinstanzlich einklagbar. Ob das Aussicht auf Erfolg hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber es würde die Diskussion auf die Frage lenken, ob solche, offenbar willkürliche Definitionen von Gemeinnützigkeit Grundlage einer steuerrechtlichen Bewertung sein dürfen. Und ich schätze mal, das Fass würde der Herr Bundesfinanzminister sehr gerne nicht aufmachen.

Noch ist der E-Sports-Bund Deutschland ein junges, zartes Gebilde. Hoffentlich wächst und gedeiht es noch. [Bild: esportbund.de]
Man muss also einig sein. Man muss alle eSports-Arten in einem eigenen Verband organisieren, auch wenn das kurzfristig erst einmal teurer wird. Man darf sich den Altverbänden nicht unterwerfen und muss sie, solange sie nicht von ihrer bisherigen Position abrücken, als Gegner betrachten, als Feind, der darauf aus ist, den eSport als Konkurrenz zu zerstören. Den Beweis dieser Haltung haben sie erbracht. Niemand hat sie dazu gezwungen.

Die gute Nachricht: einen solchen Verband gibt es bereits. Der eSports-Bund Deutschland wurde 2017 unter Mithilfe des game gegründet, besitzt als e.V. die Gemeinnützigkeit und hat (das ist die schlechte Nachricht), laut Selbstauskunft auf der Webseite, ganze 24 Mitglieder, darunter eines in Österreich. Das ist natürlich viel zu wenig. Schwierig gestaltet sich auch der Umstand, dass inzwischen zahlreiche Fußballbundesligisten ihre eigenen eSports-Teams haben – und die natürlich sich kaum dagegen wehren können, im DFB aufzugehen, einem der größten Verbandskraken weltweit.

Es droht also exakt das gleiche Schicksal, das auch eine damals viel zu kleine und uneinige Spielebranche in den 90ern und Nuller Jahren erlitt: Marginalisie rung durch fehlende Durchschlagskraft. Allerdings hatten wir damals auch keinen Partner namens game, dem eine gewisse politische Durchschlagskraft ja nicht absprechbar ist, wie die Themen Förderung und Hakenkreuze gezeigt haben. Nur: Es müssen sich auch die eSportler in Deutschland einig sein und möglichst geschlossen in den Verband eintreten.

Es müssen sich die Veranstalter großer eSport-Events einig sein, nur Sportler einzuladen, deren Vereine nicht Mitglied der Altverbände sind. Wäre interessant zu sehen, was Schalke mit seinem Fifa-Team macht, wenn das nirgendwo antreten kann, so attraktiv das sicher für die Veranstalter auch wäre. Wenn die guten Spieler nirgendwo spielen können, werden sie den DFB-Vereinen schnell wieder den Rücken kehren.

Die Fußballfrauen hatten in den späten 60ern Strukturen geschaffen, die so groß wurden, dass sie dem DFB als Parallelverband zu gefährlich wurden. Die Anerkennung geschah nicht, weil die alten Chauvinisten in der Chefetage, die häufig genug auch sc hon zu völkischeren Zeiten an den Strippen gezogen hatten, plötzlich zu Feministen geworden wären. Sie mussten den Frauenfußball umarmen, um nicht endgültig die Kontrolle über ihn zu verlieren – und das Angebot konnte der Frauenfußball dann auch nicht ablehnen. Dafür war er strukturell noch zu schwach.

Der Frauenfußball hat in Deutschland geschafft, was dem eSport noch gelingen muss. Er hat sich seinen Platz in der Sportlandschaft erkämpft, bis er nicht mehr ignoriert werden konnte. [Bild: FIFA 19, Electronic Arts]
Der eSport hat die Chance, sogar diesem Schicksal zu entgehen, wenn die Veranstalter und Sportler sich einig sind. Er hat die Chance, ökonomisch und organisationsmäßig schnell in Bereiche hineinzuwachsen, in denen die alten Verbände nur noch hilflos zusehen können. eSports hat das Zeug, in fünf Jahren der drittgrößte Sportverband des Landes zu werden. Dazu benötigt man 1,4 Millionen Mitglieder, eine Zahl, die bei 45 Millionen Computerspielern in Deutschland wohl kaum absurd ist. Turner und den Fußball (5 bzw. 7 Millionen Mitglieder) wird man wahrscheinlich erst erheblich später überflügeln können. Aber Platz 3 reicht aus, um sehr ernst genommen zu werden und Gespräche nicht unter vorgehaltener Waffe führen zu müssen. Zumal man sicher als Sportart deutlich mehr Geld generieren wird als die Turner.

Dazu muss man aber etwas demonstrieren, was in Deutschland keine allzu große Tradition hat – und im Bereich Games noch weniger: Solidarität. Solidarität mit dem gemeinsamen Ziel, dem Altersstarrsinn der deutschen Sportpolitik die Stirn zu bieten. Solidarität mit dem Ziel, der eigenen Sportart das Dasein als Appendix zu ersparen: als Randerscheinung in einer Sportart, die womöglich selbst nur eine Randsportart ist; die elektronische Variante von Darts im Dart. Solidarität mit dem Selbstbewusstsein, dass den alten Säcken sagt: Ihr hattet eure Chance. Dann machen wir es eben selbst.

Es wäre ein Exempel, das man statuieren könnte, und das womöglich sogar die Niewaslerner in Politik und Verbänden dazu bringen könnte, in Zukunft dann ein bisschen weniger im Weg rumzustehen.

In diesem Sinne bis zum nächsten Mal!

http://www.spiegel.de/sport/sonst/eSport-die-debatte-was-ist-sport-wird-absurd-gefuehrt-a-1254307.html
https://www.gameswirtschaft.de/politik/sportausschuss-bundestag-eSport/?fbclid=IwAR2Gle77anhctABoSq-aypyyNfGdJXtSxAwF0b1TFRGPYbco5XRLubR7K1s
Prof. Borggrefe im Interview:
https://www.deutschlandfunk.de/sportwissenschaftlerin-ueber-eSport-hat-nichts-mit-sport.1346.de.html?dram:article_id=426450
Ein schneller Überblick über die Sportgeschäfte des Herrn Bach:
https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Bach#Kritik
http://www.spiegel.de/sport/sonst/eSport-thomas-bach-erteilt-baldiger-olympia-aufnahme-klare-absage-a-1219559.html
https://www.linksfraktion.de/nc/parlament/reden/detail/petra-sitte-eSport-diskussion-mit-den-akteuren-auf-augenhoehe-fuehren/
https://eSportbund.de/mitglieder/